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Inspiration

Das Regal im Wohnzimmer meiner Mutter

Ein paar Jahre, nachdem ich nach Australien ausgewandert war, fuhr ich nach London, um meine Mutter zu besuchen. Einer meiner Unterstützer war so nett, mir ein Plüschkänguru als Mitbringsel für sie mitzugeben. Meine Mutter liebte das Geschenk. Stolz stellte sie es im Wohnzimmer, wo sie die meiste Zeit verbrachte, in ein Regal. Wenn ich wieder in Australien war, sollte das Känguru sie an mich erinnern. Ich selbst war auch ganz glücklich, hatte ich doch ein Geschenk für meine Mutter gefunden, das ihr gefiel und das sie in Ehren halten würde.

Als ich ein paar Jahre später wieder in London war, brachte ich ihr einen Koalabären aus Plüsch mit. Auch diesen mochte sie sehr und stellte ihn neben das Känguru ins Regal.

Bei meinem nächsten Besuch schenkte ich ihr einen Plüschrieseneisvogel, das Mal darauf ein Schnabeltier. Vor lauter Australiensouvenirs wurde es allmählich eng im Wohnzimmerregal.

Bei meinem fünften Besuch überraschte ich meine Mutter mit einer weichen, kuscheligen Beutelmaus. Auch die gefiel ihr. Aber als sie versuchte, sie in ihr Regal zu stellen, neben das Känguru, den Koala, den Rieseneisvogel und das Schnabeltier, reichte der Platz nicht mehr, und schon purzelten die ersten Plüschkameraden zu Boden. Daraufhin versuchte sie mit aller Macht, sie irgendwie ins Regal zu quetschen, aber dabei fielen nur noch mehr hinunter.

„Warum verschenkst du nicht ein paar von den Tierchen, Mama“, schlug ich vor. „Dann hast du auch wieder mehr Platz für neue.“

„Kommt ja gar nicht infrage“, widersprach sie. „Dafür sind sie mir viel zu kostbar.“

Die nächsten Stunden hatte sie alle Hände voll damit zu tun, die ganzen Plüschtiere irgendwie im Regal unterzubringen.

So ist es auch mit dem Stress. Manchmal kriegt man einfach nicht alles in den Kopf rein. Während man sich bemüht, noch etwas Neues hineinzuquetschen, entfallen einem die ersten Dinge schon wieder. Ganz ähnlich wie es bei meiner Mutter mit dem Plüschtieren in ihrem Regal war. Nicht lange, und das Regal ist so überlastet, dass es zusammenbricht. Beim Hirn spricht man in diesem Zusammenhang von einem Nervenzusammenbruch. Doch sobald man einmal begriffen hat, was sich da abspielt, lässt sich ein solches Leiden leicht vermeiden.

Hätte meine Mutter ihre alten Plüschtiere verschenkt, an Freunde oder die Wohlfahrt, hätte sie in ihrem Regal nicht nur mehr Platz für neue Geschenke gehabt, sondern sie hätten auch nicht alle um Mamas Aufmerksamkeit buhlen müssen und sie hätte an jedem einzelnen mehr Freude gehabt.

Sobald Sie eine neue Erfahrung machen, tun Sie gut daran, sich von Ihren alten Erinnerungen zu verabschieden. Sagen Sie nicht „Kommt ja gar nicht infrage, dafür sind sie mir alle zu kostbar“ wie meine Mutter. Schaffen Sie lieber Platz im Regal ihres Hirns. So vermeiden Sie Stress und das neue Geschenk muss nicht um Ihre Aufmerksamkeit ringen. Dann haben Sie auch viel mehr Freude daran.

Machen Sie Ihren Geist zu einem leeren Regal, in dem es immer genügend Platz gibt, sodass Sie möglichst viel Freude an dem einen Geschenk haben können, das immer neu ist: die Gegenwart.

© Ajahn Brahm
aus „Der Elefant der das Glück vergaß“
photo © pixabay

 

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