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Inspiration

Der Wassertropfen

„Es war einmal ein Wassertropfen.

Er war sehr klug, ziemlich frech und ein wenig eigensinnig.

Er war schon recht weit herumgekommen: dreimal ans Meer, drei lange Flugreisen in einer großen Wolke, drei Absprünge von ganz oben. Aus einer Wolke zu springen fand er fast so lustig, wie einen Wasserfall hinunterzustürzen.

Vor dem vierten Sprung aus einer Wolke hatte der Tropfen sich vorgenommen, den Saltorekord zu brechen.

Es gelang ihm nicht. Die Luft war kalt, er verwandelte sich in eine Schneeflocke und landete auf dem Hohen Berg.

Eines Tages floss er den Berg hinunter und kullerte in einen Bach. Der mündete bald in einen Fluss. Es herrschte ziemlicher Trubel. Der Wassertropfen traf alte Bekannte und lernte neue kennen. Der Fluss wurde breiter, näherte sich dem Meer.

In dieser Gegend war der Tropfen schon einmal. Deshalb kannte er sich gut aus. Dachte er jedenfalls. Denn seit er das letzte Mal hier gewesen war, hatte sich die Landschaft verändert. Der Fluss bog nach links ab – der Tropfen war entsetzt.

Das ist die falsche Richtung!

„Halt!“, rief er. „Alle mal zuhören! Wir müssen nach rechts. Das weiß ich genau!“

Das Wasser rauschte so laut, dass man ihn lange Zeit nicht hörte.

„STOPP!!!“, schrie er und stemmte sich mit ganzer Kraft gegen ein Steinchen. Aufgebracht versuchter er die Anderen, Bekannte und Fremde, zu überreden.

Dann wollte er dem Fluss erklären, dass es viel klüger, sicherer und kürzer wäre, nach rechts zu fließen statt links. …

Der Tropfen wurde müde und frustriert.

Der Strom floss weiter nach links.

Nicht hatte sich geändert.
Außer der Laune des Tropfens.“

„Je älter ich werde, desto seltener bilde ich mir ein, zu wissen, was richtig und was falsch ist…
Was kann ich ändern, was muss ich ändern – und was ist seine Aufgabe.“

„Aber der Tropfen konnte ja gar nicht selbst bestimmen…“

„Das sehe ich anders. Er konnte aus vielen spannenden Aufgaben wählen.“

„Er hätte die Fische aufheitern oder durch den Boden sickern können. Es wäre möglich gewesen, in einem Wasserloch aufzutauchen, auf dem Rücken eines Elefanten an Land zu gehen und mithilfe der Sonne eine weitere Flugreise anzutreten. Bei alledem hätte der Tropfen sein Bestes geben können. Nur eines vermochte er nicht: den Fluss zu lenken oder aufzuhalten.

© Oliver Bantle
aus dem Buch: „Yofi oder die Kunst des Verzeihens“
Bildquelle

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