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Inspiration

Die Steinpalme

Eine Erzählung nach einer Legende aus der Sahara von Pet Partisch

Es war Spätnachmittag und ein Wind war aufgekommen, der leise über die Haare strich und auf dem Gesicht eine Ahnung von Kühle hinterließ.

Es war die Zeit des Tages, die zum Sprechen verführt, die Lust zum Erzählen war so zwingend, dass alle den weisen Raman baten, doch eine seiner wundersamen Geschichten zu erzählen.

Der kluge alte Mann lächelte. Er überlegte einen Augenblick und sagte dann: “Wenn die Abendfeuer angezündet sind, treffen wir uns an der Steinpalme.“ Die Menschen fragten ihn: „Was für eine Steinpalme und wo finden wir sie?“ Der Alte ging und rief im fortgehen: „Sucht sie und ihr werdet sie finden, denn dieser Baum ist nicht zu verfehlen.“

Und ehe der dunkle Abend kam, hatten die Menschen die Steinpalme gefunden.

Neben den vielen Palmen am Strand, welche in ihrer schlanken Schönheit wie winkende Frauen wirkten, stand diese eine etwas abseits, und doch so, dass ihre starken dunkel-grünen Blattfächer die neben ihr stehenden Palmen leicht berührten.

Es war eine eigenartig geformte Palme!

Sie war stark mit einem mächtigen Stamm und schönen breiten Fächern, die in ihren Bewegungen eine sichtbare Mäßigung zeigte und nichts von der unruhigen Heiterkeit, welche allen anderen Palmen zu Eigen war.

Das Merkwürdigste war jedoch die Krone der Palme! Sie schien mit ihren Blattfächern nach innen zu zeigen.

„Seht nur genau hin“, sagte der alte Erzähler, der sich unter den merkwürdigen Baum gesetzt hatte, „und achtet auf das nächste Wehen des Windes.“

Und im selben Moment konnten Sie es sehen!

Als der Wind die Fächer der Palme, dort wo sonst die neuen hellgrünen Triebe aus der Mitte des Baumes nach oben drängen, auseinander wehte, lag ein mächtiger rötlicher Stein, ein gewöhnlicher Stein wie sie ungezählt am Strand herumlagen. Der alte Raman ließ keine Zeit zum Fragen. Mit einer kräftigen und weiten Armbewegung lud er alle anwesenden Menschen ein, sich in einen Kreis um die Palme zu setzen.

Die Nacht kam schnell, breitete sich über allem aus und ein Feuer wurde angezündet.

Der Schein des Feuers erreichte die merkwürdige Palme und malte bizarre Zeichen in den Nachthimmel. Wenn das Feuer hoch aufflackerte, konnten die Menschen die Krone dieses mächtigen Baumes erahnen.

„Ihr wollt wissen, wie der große Stein dort in die Palmenkrone geraten ist?“, begann der alte Raman seine Erzählung. “Nun dies geschah vor vielen, vielen Jahren, als dieser Baum noch ein zarter Bäumling war.

Damals gab es hier noch keine Häuser und Brunnen. Nur einige Palmen standen am Strand. Ihnen und der kleinen zarten Palme genügte das, was sie aus dem kargen Sandboden an Nahrung und Feuchtigkeit bekamen.

Die kleine Palme liebte das Meer und die Musik des Wassers. Sie liebte auch den leisen Wind und die plötzlich aufkommende Dunkelheit der Nacht. Und sie liebte den Mondschein, welcher in den klaren Nächten silberne Spuren auf dem endlosen Meer hinterließ.

Der kleine Baum wusste, dass nur wenige Meter von ihm entfernt die Wüste war. Aber dies machte ihm keine Angst. Er hatte einfach keine Vorstellung von Gefahr und unglücklich sein. Er war einfach nur ein kleiner zufriedener Palmenschössling.

Bis zu diesem einen Tag als der Mann kam!

Er kam durch die Wüste und war dort tagelang herumgeirrt. Er hatte sein Hab und Gut verloren und die Hitze und der Durst hatten ihn fast um den Verstand gebracht. Seine Hände brannten wund vom vergeblichen Graben nach Wasser und alles in ihm war von grenzenlosem Schmerz. So stand er nun fast besinnungslos vor dem endlos erscheinenden, salzigen Wasser.

Der Mann warf seinen ausgedörrten Körper in das Wasser hinein und hoffte auf die Erlösung von seinen körperlichen Qualen. Aber in seinem Mund, mit den aufgerissenen Lippen, brannte der Durst den das Salzwasser nicht stillen konnte.

Da packte ihn ein rasender Zorn. “Ich brauche Wasser, ich habe einen Anspruch auf Wasser!“, schrie er „Ich will leben, ich habe einen Anspruch auf Leben!“

In seinem grenzenlosen Zorn griff er nach einem großen Stein und dieser Zorn gab ihm die Kräfte, welche sein ausgedörrter Körper noch herzugeben hatte. Er schrie gegen die Grenzenlosigkeit des Wassers, schrie gegen die Unauslöschbarkeit der Sonne, schrie gegen die Wüste hinauf zur Unerreichbarkeit des Himmels.

Sein ganzer Körper zitterte und es schien als wolle ihn alle Kraft verlassen. Da sah er bei den großen Palmen, zwischen Geröll und Steinen, den kleinen, unschuldigen Palmenschössling in hellem Grün und Hoffnung auf den neuen Tag stehen.

„Warum lebst du hier in Glück und Frieden?“, schrie der Mann voller Wut und Verzweiflung. „Warum kannst du trinken und ich muss verdursten! Warum bist du so jung und so schön und ich muss sterben? Warum hast du alles zum Leben und ich nichts? Wenn ich nicht weiterleben darf, so sollst du auch nicht weiterleben!“

Mit einem kräftigen Schlag schlug er den großen, schweren Stein in das Kronenherz des kleinen Palmenschösslings. Die kleine Palme konnte nicht ausweichen.

Der Mann brach neben der Palme zusammen und es begann eine unendliche Stille.

Ein paar Stunden später fanden ihn Kameltreiber – man erzählte, dass er gerettet wurde.

Keiner der Kameltreiber hatte sich um den verletzten kleinen Baum gekümmert. Nicht einmal wahrgenommen hatten sie ihn.

Die kleine Palme war unter der großen Last des Steins fast zusammengebrochen und ihr Tod schien unausweichlich. Die hell-grünen zarten Palmenblätter waren abgebrochen und drohten in der heißen Glut der Sonne zu verdorren. Sein kleines weiches Palmenherz war zerquetscht und der große Stein lastete schwer auf dem zierlichen Stamm, so dass er bei jedem Windsstoß abzubrechen drohte.

Doch der Mann hatte den kleinen Palmenschößling nicht töten können. Er hatte ihn sehr verletzt, doch töten konnte er ihn nicht.

Als sich in dem jungen Baum der furchtbare Schmerz des aufgeschlagenen Steins und das Geräusch seiner zerbrechenden Zweige zusammenballten, als alles nur noch eine Masse von Schmerz war, da regte sich gleichzeitig daneben, ohne Verbindung zum Schmerz und allen zerstörenden Gefühlen, eine ungeheure Welle der Kraft und des Lebenswillens.

Diese Welle vergrößerte sich aus eigener Kraft und wuchs zu einer riesigen Wellenbewegung im Inneren der kleinen Palme. Und diese Wellenbewegung wurde größer als der Schmerz und wuchs über den Schmerz hinaus.

Die kleine Palme versuchte den Stein abzuschütteln. Sie bat den Wind ihr dabei zu helfen.

Aber es nützte nichts, es gab keine Hilfe von außen und der Stein blieb mitten in ihrem kleinen Palmenherz.

„Gib doch einfach auf,“ sagte sich die kleine Palme, „denn es ist einfach zu schwer. So ist es eben dein Schicksal so früh zu sterben. Füge dich und lass einfach los. Dieser Stein ist einfach zu schwer.“

Aber da war noch eine andere Stimme in ihr, die sagte: “Nein nichts ist zu schwer. Du musst es versuchen und dann wirst du weiterleben. Du musst es einfach nur mit aller Kraft versuchen.“

„Wie soll ich es denn versuchen?“ fragte sich die kleine Palme.

“Ich bin allein und der Wind kann mir auch nicht helfen. Ich kann den Stein nicht abwerfen!“

„Du musst ihn doch nicht abwerfen.“ sagte die andere Stimme in ihr „Du musst die Last des Steines einfach nur annehmen. Und dann wirst du erleben, wie deine Kräfte auf wundersame Art und Weise wachsen.“

Und der junge Baum hörte in seiner Not auf seine innere Stimme und nahm mit einem tiefen Seufzen seine Last an.

Er verschwendete keine Kraft mehr an das Bemühen den Stein loszuwerden.

Er nahm ihn auf, in die Mitte seines kleinen Palmenherzens. Um dafür Kraft zu gewinnen, klammerte er sich mit seinen immer länger werdenden Wurzeln ganz tief in das Erdreich, denn er musste mit seiner Last einen tiefen und festen Halt in der Mutter Erde suchen

Als die kleine Palme sich fest im Boden verwurzelt hatte, begann sie nach oben zu wachsen. Sie legte breite und kräftige Palmenblätter um den Stein herum. Fast hätte man meinen können, dass sie ihn und ihre Wunde beschützte. Ihr Stamm und ihre Palmenkrone gewannen im Verlauf der Zeit mehr und mehr Stärke, Umfang und Würde.

Dann kam der Tag, an dem sich die Wurzeln des Baumes so tief gesenkt hatten, dass sie in der Mutter Erde auf eine reich nährende Wasserader stießen. Befreit schoss eine Quelle nach oben und verwandelte mit ihrer reinen Energie diesen trockenen Platz hier in der Wüste zu einem Ort der Lebensfreude, der Herzensgüte und des Wohlstandes.

Mochten auch die anderen Palmen am Strand vielleicht graziöser, eleganter und lieblicher aussehen, die Palme mit dem Stein in ihrer Krone war bald der mächtigste Baum der langen Küste.

Und sie wurde von den Menschen liebevoll und dankbar auf den Namen „Steinpalme“ getauft.

Im Verlauf der Zeit streckte sich die Steinpalme immer höher zum Himmel und zum Licht und wuchs somit stets herzensgut versorgt und genährt zwischen dem Himmel und der Erde zu ihrer wahren Größe und Würde heran.

Nun war sie einfach unverwechselbar in ihrer liebevollen Kraft und Eigenart. Ihre Last hatte sie herausgefordert und sie hatte den Kampf gegen ihre Schwäche und Kleinmut aufgenommen. Sie hätte sterben können. Doch sie hat sich für ihr Leben entschieden und durch ihre starke Wurzelkraft eine Quelle freigelegt, die seither den Durst vieler Menschen löscht. Und was das Wichtigste war, die kleine Steinpalme hatte ihre schmerzende Last angenommen und über sich selbst hinaus getragen. Noch heute liegt sie in ihrer Krone und wird täglich neu in reine Lebensenergie transformiert. Denn nur die äußere Last erscheint uns als untragbar. Ist diese Schwere erst einmal angenommen, verwandelt sie sich in Weisheit, Lebensenergie und Herzensgüte.

Die Menschen in der Sahara lieben ihre Steinpalme und setzen sich gern am Abend unter ihre Krone. Sie lehnen sich in Dankbarkeit an ihren Stamm um ihre Sicherheit, Kraft und Güte spüren zu können.


Mit lieben Dank an Michaela
(Yogalehrer-Ausbildung 2010) fürs Mitbringen und Überlassen. ღ

 

 

 

 

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