Inspiration

Die Zen-Kunst des Bogenschießens

In der Zen-Kunst des Bogenschießens sammelst du vor dem Abschuss des Pfeils deine ganze Kraft, die du durch die Übung erzeugt hast, im Hara-Dantian.

Die Übung ist, dich vollständig mit dem Auge des Bullen zu vereinigen – nicht mit dem augenfälligen in der Zielscheibe, sondern mit deinem eigenen Bullen-Auge im physisch-psychischen Zentrum des Unterbauchs.

Mystisch gesprochen, muss der Pfeil, den du abschießt, einen vollen Kreislauf von deinem Zentrum weg über das Zentrum der Zielscheibe wieder zurück in dein Zentrum im Dantian zurücklegen; wie ein Bumerang, der wieder zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt.

Der wahre Meisterschütze bleibt dabei immer in seinem eigenen Zentrum.

Während eines einmonatigen Seminars über Buddhismus und Geist gab uns eines Nachmittags ein japanischer Zen-Meister eine Demonstration der Kunst des Bogenschießens. Er kniete neben einem bizarr geformten Felsen an der Küste nieder. Nach langer Meditation, während an die hundert Leute um ihn herumstanden und ihn beobachteten, stand er auf und zog einen Pfeil aus dem Köcher, der über seiner Schulter hing. Er begann zu zielen – hinaus aufs offene Meer!

Aha!

Er stieß einen donnergleichen Schrei aus, als der Pfeil aus dem Bogen schnellte. Sein kleiner Körper, glühend vor vibrierender Energie, wuchs plötzlich zu einem regenbogenfarbenen Riesen, großartig anzuschauen.

Als ich mich langsam von meiner Gänsehaut erholte, merkte ich, dass die meisten Zuschauer das Wesentliche verpasst hatten: Sie waren dem Flug des Pfeils übers Meer gefolgt, statt mit ihrer Aufmerksamkeit beim wirklichen Auge des Bullen zu bleiben – der Person.

Wir müssen voll und ganz erkennen, dass das wirkliche Ziel in uns liegt – nicht außerhalb von uns.

In der Welt etwas zu erreichen, meint scheinbar etwas draußen.

Lebst du bis jetzt ohne innere Befriedigung, ohne inneres Gewahrsein, dann hast du das Ziel verfehlt.

Es kann so nicht klappen.

Denn du bist das Ziel!

Einer meiner liebsten kosmischen Witze erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich sein ganzes Leben lang anstrengt, eine Leiter hochzuklettern. Als er schließlich oben ankommt, muss er entdecken, dass sie an der falschen Wand lehnt …

Ein anderer ist ein wenig makaber, berichtet er doch von einem Samurai, der sich anschickt, Harakiri zu begehen. Mit großem Tara den Dolch ergreift, wuchtig auf sein Hara zielt – und daneben trifft. Uups!

Bevor du Pfeile in der Gegend verschießt, dich fruchtlos im Suchen verlierst, nach fernen Horizonten greifst oder den Regenbogen jagst, finde dein eigenes Zentrum, ziele auf dich selbst.

Dort draußen liegt in Wirklichkeit hier drinnen!

© Chungliang Al Huang

Bildquelle

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