Inspiration

Ein Taxi, bitte!

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Am Ende einer Veranstaltung scheinen manche Menschen zu denken, es gäbe nie mehr ein freies Taxi.

Kaum sind sie im Freien, stürmen sie los, da kann ich kaum schnell genug vorfahren. Oft sind es ältere, schick frisierte Frauen mit Gehstock, die alles niederrennen.

Ich mag es nicht, wenn Rüpel den Kampf um mein Taxi gewinnen.

Trotzdem bleibe ich höflich. Ich schiebe den Sitz nach hinten und achte darauf, dass der Beifahrersitz nicht zugemüllt ist.                                             

Und  ich biete jedem Fahrgast ein Gespräch an.

Ich habe ein gutes Gespür dafür entwickelt, was die jeweilige Person braucht. Sucht sie Unterhaltung oder Information, redet sie gern selbst oder hört sie lieber zu?

Wenn ich vor dem Hauptbahnhof stehe, frage ich, ob die Bahn pünktlich ankam, vor Kaufhäusern, ob es dort sehr voll war. So können die Leute Dampf ablassen, das tut ihnen gut. Und vor Bewerbungsgesprächen animiere ich meine Fahrgäste, ruhig zu atmen.                                                  

Ich habe gelernt, dass viele Punker höflicher sind, als Anzugträger, dass Schauspieler sehr oft schüchtern sind, Schriftsteller einen gerne ausfragen; dass Politiker meist eine Quittung wollen und schlechtes Trinkgeld geben.

Und bei den Südländern erlebe ich oft, dass der Jüngere dem Älteren die Tür aufhält, bei den Deutschen ist das selten der Fall. Außer bei den älteren Ehepaaren. Da ist der Mann sehr galant und ich darf den Koffer der Frau nicht anfassen. Manchmal denke ich: „Hoffentlich bricht der mir nicht zusammen.“

Gerne stelle ich mich auch vor Krankenhäuser, dort finde ich Menschsein in seiner pursten Form.

Neulich fuhr ich junge Eltern, die mit ihrem Frühgeborenen endlich nach Hause durften. Ich war die Erste, die sie in ihrem neuen Alltag erlebte.

Oder ich fahre ältere Frauen, die ihren Mann im Krankenhaus besuchen. Die erzählen mir dann, wie das ist, 40 Jahre lang verheiratet gewesen und nun allein zu Hause zu sein.

Frauen reden generell mehr als Männer, die sind wiederum nachts gesprächiger, wenn sie schon etwas getrunken haben.                                                                                                                       

Es ist schade, dass ich nie erfahre, wie die Geschichten ausgegangen sind.

Hat er den Job bekommen?
Hat ihr Mann überlebt?
Wie war die Verabredung?                                                  

Immer wieder merke ich:

Es tut den Menschen gut, sich einer fremden Person anzuvertrauen.

Vielleicht sollten wir viel öfter mit jemandem reden, der eine andere Perspektive auf die Dinge hat.

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© Karin Glaubitz
(Fährt seit 35 Jahren Taxi in Berlin)
Gefunden in „Der Andere Advent“ 2017/18

Bildquelle

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