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Inspiration

Er wohnt hier

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Neulich traf ich Gott am Flaschencontainer, er wohnt hier im Viertel, aber wir hatten uns lange nicht gesehen. Der müde Zug um seine Augen war noch müder geworden, seine weißen Haare hätten einen Schnitt vertragen und er trug wieder den alten grauen Wollmantel, auch Lederhandschuhe; es ist nun kalt geworden und er scheint empfindlich zu sein.

Wir gingen einen Kaffee trinken.

Ob es ihn nicht jucke, frage ich: mal dreinzuhauen, den Mordgestalten zu zeigen, wo der Hammer hänge, Stichwort Sintflut, Stichworte Sodom, Gomorra.

Ja, aber wo fange man an, höre man auf?

Tag für Tag sei das Übel in der Welt, überall, da hätte er viel zu tun.

Er habe das Böse geschaffen, weil er gedacht habe: Wie solle man das Gute erkennen, wenn es das Böse nicht gebe? Wie könne man den Tag begrüßen, wenn man die Nacht nicht habe? Wie sei es möglich, das Leben zu schätzen, wenn es keinen Tod gebe?

Nicht falsch, oder?

Aber es quäle ihn, er sehe, was er angerichtet habe, bis zum Urknall zurück reue es ihn.

Was solle er tun?

Er sei Schöpfer, Rückbau sei seine Sache nicht, er wisse gar nicht, wie das gehe.

Was er überhaupt hier mache, im Viertel, frage ich.

Das sei eben die andere Seite, sagte er.

Das großartige Leben, das wir hier geschaffen hätten, die Zivilisation, die Toleranz, die Kultur.
Die kühlen Getränke.

Er habe es nicht mehr ausgehalten draußen, er sei quasi hierher geflüchtet, rief er, nun lauter, und warf mit rudernden Armen beinahe seine Tasse um.
Er sei Universumsflüchtling.
Das Alleinsein.
Die Ewigkeit.
Die Weite.
Dieses haltlose Herumschweben.
Das könne sich kein Mensch vorstellen.

Ob ich wisse, wie langweilig die Unendlichkeit sei?

Und deshalb sei er hier, weil er endlich einmal etwas haben wolle von dem, was er selbst geschöpft habe, ja, so drückte er sich aus, „geschöpft“ sagte er und fügte hinzu:
Endlich sei er hier!

„Blöder Zeitpunkt“, sagte ich.

„Kannst du laut sagen“, sagte er.

(Immer duzt er mich und ich sieze ihn, so ist das.)

„Macht mich fertig, ehrlich gesagt, nicht, weil es mich in  meinem Lebensgenuss stört, versteh das nicht falsch. Aber erstens bin ich schuld an allem, letztlich, zweitens kann ich euch nicht helfen.

Echt nicht.

Ihr müsst euch selbst helfen.

Könnt ihr auch.

Werdet ihr.“
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Axel Hacke
Gefunden in „Der Andere Advent“ – Kalender 2016/17

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