Inspiration

Geschichte von einer Mutter

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Teil II

Da kam sie an einen großen See, wo sie weder ein Schiff noch ein Boot fand. Der See war noch nicht fest genug gefroren, um sie tragen zu können, und auch nicht offen und flach genug, so dass sie ihn hätte durchwaten können, und über denselben musste sie hinüber, wenn sie ihr Kind finden wollte.

Da legte sie sich nieder, um den See auszutrinken, aber das ist für einen Menschen unmöglich. Die betrübte Mutter dachte jedoch, dass vielleicht ein Wunder geschehen werde. –

„Nein, das geht nicht!“, sagte der See.
„Lass uns lieber sehen, ob wir uns einigen können. Ich liebe es, Perlen zu sammeln, und deine Augen sind die beiden klarsten, die ich je erblickt habe. Willst du sie in mich ausweinen, so will ich dich nach dem großen Treibhause hinüber tragen, wo der Tod wohnt und Blumen und Bäume pflegt, jeder von diesen ist ein Menschenleben!“

„Oh was gebe ich nicht, um zu meinem Kinde zu kommen!“, sagte die betrübte Mutter und sie weinte noch mehr, und ihre Augen sanken auf den Grund des Sees und wurden zwei wunderschönen Perlen.

Aber der See erhob sie, als ob sie in einer Schaukel säße und sie flog in einer Schwingung an das jenseitige Ufer, wo ein meilenbreites Haus stand. Man wusste nicht recht, ob es ein Berg mit Wald und Höhlen, oder ob es gezimmert war, aber die arme Mutter konnte es nicht sehen, denn sie hatte ihre Augen ausgeweint.

„Wo werde ich den Tod finden, der mit meinem kleinen Kinde davongegangen ist?“, fragte sie.

„Hier ist er noch nicht angekommen.“, sagte die alte Grabfrau, welche auf das große Treibhaus des Todes Acht haben musste.
„Wie hast du dich hierher finden können und wer hat dir geholfen?“

„Der liebe Gott hat mir geholfen!“ antwortete die Mutter.
„Er ist barmherzig und das wirst du auch sein. Wo kann ich mein kleines Kind finden?“

„Ich kenne es nicht“, sagte die Frau, „und Du kannst ja nicht sehen!
Viele Blumen und Bäume sind über Nacht verdorrt, der Tod wird bald kommen und sie umpflanzen. Du weißt wohl, dass jeder Mensch seinen Lebensbaum oder seine Blume hat, je nachdem wie ein Jeder beschaffen ist. Sie sehen wie andere Gewächse aus, aber sie haben einenHerzschlag! Halte dich daran, vielleicht erkennst du den Herzschlag deines Kindes. Aber was gibst du mir, wenn ich dir sage, was du zu tun hast?“

„Ich habe nichts zu geben“, sagte die betrübte Mutter. „Aber für dich will ich bis ans Ende der Welt gehen!“

„Dort habe ich nichts zu schaffen“, sagte die Frau, „aber Du kannst mir dein langes, schwarzes Haar geben! Du weißt wohl selbst, dass es schön ist, und mir gefällt es! Ich gebe dir mein weißes dafür, das ist doch ein guter Tausch.“

„Verlangst du weiter nichts?“, fragte die Mutter.
„Das gebe ich dir mit Freuden!“

Und so geschah es.

Nun gingen sie in das große Treibhaus des Todes, wo Blumen und Bäume ganz wunderbar durcheinander wuchsen.
Da standen seine Hyazinthen unter Glasglocken und da standen große, baumstarke Pfingstrosen, da wuchsen Wasserpflanzen – einige recht frisch, andere kränklich, Wasserschlangen legten sich auf dieselben und schwarze Krebse klemmten sich am Stängel fest.

Es standen da schöne Palmenbäume, Eichen und Platanen, Petersilie und blühender Thymian. Jeder Baum und jede Blume hatte ihren Namen- jede Pflanze stand für ein Menschenleben. Ein jeder dieser Menschen lebte noch: Der eine in China, ein anderer in Grönland, ringsumher verteilt auf der ganzen Erde.

Da waren große Bäume in kleinen Töpfen, so dass sie ganz verkrüppelt dastanden und nahe daran waren, den Topf zu sprengen. Manchmal stand auch eine kleine schwächliche Blume in fetter Erde, mit Moos bedeckt und gepflegt. Die betrübte Mutter beugte sich über jede noch so kleine Pflanze, um zu hören, wie in ihnen das Menschenherz schlug. Unter Millionen von ihnen erkannte sie das Herz ihres Kindes wieder.

„Das ist es!“ rief sie und streckte die Hand über einen kleinen blauen Krokus aus, welcher ganz krank nach Seite fiel.

„Berühre die Blume nicht!“ sagte die alte Frau.
„Stelle dich hierher und wenn der Tod kommt – ich erwarte ihn jeden Augenblick – dann lass ihn die Pflanze nicht ausreißen!
Drohe ihm, dass du dasselbe mit den andern Pflanzen tun würdest, dann wird ihm bange werden.
Er steht dem lieben Gott in Verantwortung. Ohne dessen Erlaubnis, darf keine Pflanze ausgerissen werden.“

Auf einmal sauste es eiskalt durch den Saal und die blinde Mutter konnte fühlen, dass es der Tod war der da kam.

„Wie hast du den Weg hierher finden können?“, fragte er . „Wie konntest du schneller hierher gelangen, als ich?“

„Ich bin eine Mutter!“, sagte sie.

Und der Tod streckte seine lange Hand nach der kleinen, feinen Blume aus, aber sie hielt ihre Hände fest um dieselbe, fest und dennoch besorgt, dass sie eines der Blätter berühren könnte.

Da blies der Tod auf ihre Hände und sie fühlte, dass dies kälter war, als der kalte Wind, und ihre Hände sanken matt herab.

„Du vermagst doch nichts gegen mich!“, sagte der Tod.

„Aber der liebe Gott vermag das schon!“, erwiderte sie.

„Ich tue nur, was er will!“, sprach der Tod.

„Ich bin sein Gärtner! Ich nehme alle seine Blumen und Bäume und verpflanze sie in den Garten des Paradieses, in das unbekannte Land.
Wie sie dort wachsen und wie es dort ist, das darf ich dir nicht sagen!“

„Gib‘ mir mein Kind zurück!“ , flehte die Mutter, weinte und bat.

Mit einem Mal griff sie mit jeder Hand um zwei hübsche Blumen neben sich und rief dem Tode zu:

„Ich reiße alle deine Blumen ab, denn ich bin so verzweifelt!“

„Rühre sie nicht an!“, sagte der Tod.
„Du sagst, du seiest unglücklich und nun willst du eine andere Mutter ebenfalls unglücklich machen?“

„Eine andere Mutter?“, fragte die völlig aufgelöste Frau und ließ sogleich von den Blumen ab.

„Da hast du deine Augen!“ sagte der Tod.
„Ich habe sie aus dem See gefischt, sie leuchteten so stark, ich ahnte nicht, dass es die deinen waren.
Nimm sie wieder, sie sind jetzt klarer als zuvor. Sieh alsdann in den tiefen Brunnen nebenbei hinab. Ich werde die Namen der beiden Blumen nennen, die du ausreißen wolltest und du wirst ihre ganze Zukunft, ihr ganzes Menschenleben erblicken. Sieh dir an, was du zerstören und zu Grunde richten wolltest.“

Sie sah in den Brunnen hinab und es war eine Glückseligkeit zu sehen, wie der Eine ein Segen für die Welt ward, zu sehen, wie viel Glück und Freude sich ringsum entfaltete.
Und sie erblickte das Leben der Anderen und es war Trauer und Not, Jammer und Elend.

„Beides ist Gottes Wille!“, sagte der Tod.

„Welche ist die Blume des Unglücks und welche die des Segens?“,
fragte sie.

„Das sage ich Dir nicht!“, sagte der Tod.
„Aber das sollst Du von mir erfahren: Die eine Blume war die deines eigenen Kindes. Es war sein Schicksal, die Zukunft deines Kindes.“

Da schrie die Mutter erschrocken auf:

„Welche von ihnen war mein Kind?
Sage mir das, erlöse das Unschuldige!
Befreie mein Kind von all‘ dem Elend, trage es lieber fort!
Trage es in Gottes Reich!
Vergiss meine Zähren, vergiss meine Bitten und alles, was ich gesagt und getan habe!“

„Ich verstehe dich nicht!“ , rief der Tod.
„Willst du dein Kind zurückhaben oder soll ich mit ihm da hineingehen, wo du nicht weißt, wie es ist?“

Da rang die Mutter ihre Hände, fiel auf ihre Knie und betete zum lieben Gott:

„Erhöre mich nicht, wenn ich gegen deinen Willen- welcher der Beste ist, bitte!

Erhöre mich nicht!

Erhöre mich nicht!“

Und sie neigte ihr Haupt auf ihre Brust herab.

Der Tod aber ging mit ihrem Kinde in das unbekannte Land.

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Hans-Christian Andersen

Bildquelle


Zu Ehren aller Mütter!

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