Inspiration

Geschichte von einer Mutter

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Teil I

Da saß eine Mutter bei ihrem kleinen Kinde, sie war sehr betrübt und besorgt, dass es sterben möchte. Es war ganz bleich, die kleinen Augen hatten sich geschlossen, es atmete leise und zuweilen mit einem tiefen Zuge, als ob es seufze; und die Mutter sah noch trauriger auf das kleine Wesen.

Es klopfte an die Tür und da kam ein armer, alter Mann, der wie in eine Pferdedecke gehüllt war, denn die wärmt, und ihn fror. Es war ja ein kalter Winter, draußen lag Alles voll Eis und Schnee, und der Wind blies, dass es Einem ins Gesicht schnitt.

Da der alte Mann vor Kälte bebte und das Kind einen Augenblick schlief, so ging die Mutter hin und stellte Bier in einem kleinen Topf in den Ofen, dass es warm für ihn werden möchte. Und der alte Mann saß und wiegte, und die Mutter setzte sich auf den Stuhl dicht neben ihn, betrachtete ihr krankes Kind, das tief Atem holte, und hob die kleine Hand empor.

„Glaubst Du nicht auch, dass ich ihn behalten werde?“ sagte sie.
„Der liebe Gott wird ihn mir nicht nehmen!“

Und der alte Mann, es war der Tod selbst, der nickte sonderbar, das konnte eben so gut ja als nein bedeuten.

Die Mutter schlug die Augen nieder und die Tränen rollten ihr über die Wangen. Ihr Haupt wurde schwer, in drei Nächten und Tagen hatte sie ihre Augen nicht geschlossen und nun schlief sie, aber nur einen Augenblick, dann fuhr sie empor und zitterte vor Kälte.

„Was ist das?“ sagte sie und blickte nach allen Seiten; aber der alte Mann war fort, und ihr kleines Kind war fort, er hatte es mitgenommen, und dort in der Ecke schnurrte und schnurrte die alte Uhr, das große Bleigewicht lief gerade bis auf den Fußboden, bum! und da stand auch die Uhr still.

Aber die arme Mutter lief aus dem Hause und rief nach ihrem Kinde.

Draußen, mitten im Schnee, saß eine Frau, in langen, schwarzen Kleidern, die sagte:

„Der Tod ist in deinem Zimmer gewesen, ich sah ihn mit deinem kleinen Kinde davon eilen, er geht schneller als der Wind, er bringt nie wieder, was er nahm!“

„Sage mir nur, welchen Weg er eingeschlagen hat!“ sagte die Mutter,
„zeige mir den Weg an und ich werde ihn finden!“

„Den kenne ich“, sagte die Frau in schwarzen Kleidern,
„aber ehe ich ihn dir sage, musst du mir erst alle die Lieder vorsingen, die du deinem Kinde vorgesungen hast!
Ich liebe sie, ich habe sie früher gehört, ich bin die Nacht, ich sah deine Tränen, während du sangest.“

„Ich will sie alle, alle singen!“ sagte die Mutter. „Aber halte mich nicht auf, damit ich ihn erreichen, damit ich mein Kind finden kann!“

Aber die Nacht saß stumm und still, da rang die Mutter die Hände, sang und weinte, und es waren viele Lieder, aber noch mehr Tränen.

Dann sagte die Nacht:

„Gehe rechts in den dunklen Tannenwald, dahin sah ich den Tod den Weg mit deinem kleinen Kinde nehmen.“

Tief in dem Walde kreuzten sich die Wege und sie wusste nicht mehr, wohin sie gehen sollte. Da stand ein Dornbusch, es waren weder Blätter noch Blumen an demselben, es war ja auch in der kalten Winterzeit, und es lag Schnee und Eis auf seinen Zweigen.

„Hast du nicht den Tod mit meinem kleinen Kinde vorbeigehen sehen?“

„Ja! „ sagte der Dornbusch, „aber ich sage dir nicht, welchen Weg er genommen, wenn du mich nicht erst an deinem Herzen erwärmen willst! Ich erfriere, ich werde ganz und gar zu Eis!“

Und so drückte sie den Dornbusch an ihre Brust, recht fest, damit er recht erwärmt werden könnte, und die Dornen gingen in ihr Fleisch hinein und ihr Blut floss in großen Tropfen, aber der Dornbusch trieb frische, grüne Blätter, und bekam Blumen in der kalten Winternacht, so warm war es an dem Herzen der betrübten Mutter, und der Dornbusch zeigte ihr den Weg, den sie einschlagen sollte.

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Fortsetzung folgt… am nächsten Sonntag!
Zu Ehren aller Mütter!

♥ Muttertag ♥

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Hans-Christian Andersen

Bildquelle

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