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Inspiration

Weihnachten im August

LIEBER OPA,

als ich 16 Jahre alt war, fragte ich dich einmal, was du dir denn zu Weihnachten wünschen würdest.

„Ach, weißt du, Markus“, sagtest du, „ich wünsche mir, dass jeden Tag Weihnachten ist.“

„Jeden Tag Weihnachten, Opa?“, wunderte ich mich.

„Jeden Tag? Weißt du, wie viel Stress das ist. Ehrlich? 365 Tage im Jahr?“

„Ja, wäre das nicht großartig?“, antwortetest du lächelnd.

„Jeden Tag ein wunderbares Essen. Schöne Weihnachtsmelodien. Wir könnten uns alte Geschichten am Kamin erzählen. Und wenn wir alle Geschichten erzählt hätten, würden wir uns einfach neue ausdenken. Wir könnten den Weihnachtsbaum jeden Tag neu schmücken – auslosen, wer als Nächstes die Farben der Kugeln aussuchen darf. Wir würden uns jeden Tag sehen. Ihr wärt hier bei mir, ich wäre hier bei euch. Jeden Tag. Ja, das wünsche ich mir.“

An Heiligabend schenkte ich dir dann einen Briefumschlag mit drei kleinen Zetteln, auf denen jeweils stand „Gutschein für einen Weihnachtstag“.

Im Laufe des Jahres hast du diese Zettel dann immer eingelöst.

Wenn andere im Sommer gegrillt haben, haben wir dann Weihnachten gefeiert und Kekse gebacken.

Wenn andere zu Karneval „Und wenn et Trömmelche jeht“ hörten, lauschten wir dem Kling-Glöckchen klingelingeling.

Opa, auch dieses Jahr hatte ich für dich einen Briefumschlag mit drei kleinen Zetteln vorbereitet.

Drei Weihnachtstage, die wir nun nicht mehr miteinander verbringen können.

Anfang Oktober gingst du von uns.

Wochen sind seitdem verstrichen und man könnte hoffen, dass die Zeit geholfen hat und die Wunden geheilt sind, die Trauer vorüber ist. Doch dies geschieht nur langsam – noch immer fehlst du so unglaublich sehr.

Noch immer fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass du die Gutscheine niemals einlösen wirst.

Ich habe dein Geschenk etwas abgeändert und das Wort „Weihnachtstag“ durchgestrichen.

Stattdessen steht nun auf den drei Zetteln „Gutschein für einen Uropa-Paul-Tag“. Dein Urenkel Paul wird diesen  Brief heute unterm Weihnachtsbaum finden. Er wird mit seinen acht Wochen noch nicht sonderlich viel damit anfangen können – jedoch darf er die Gutscheine, sobald er im passenden Alter ist, einlösen.

Ich werde dann mit Paul etwas unternehmen, das auch du zu Lebzeiten geliebt hast. Ich erzähle ihm Geschichten aus deinem Leben und versuche, all deine Erfahrung, all deine Liebe, die du mir geschenkt hast, an ihn weiterzugeben.

Vielleicht schnitzen wir an einem der Gutschein-Tage etwas aus Holz.

Vielleicht schauen wir uns ein Eishockey-Spiel an.

Vielleicht feiern wir aber auch Weihnachten im August.

DEIN MARKUS

 

Gefunden in „Der Andere Advent“ – Kalender 2016/17

Bildquelle

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2 Kommentare

  • Antworten Petra Pinnel-Staud 20. August 2017 at 10:07

    Liebe Constance. Diese Geschichte hat mich sehr gtroffen. Und die Tränen stehen mir in den Augen.. Dankeschön. Schade das Usodom soweit weg von mir ist. Mein Mann hat mir aber versprochen, dass wir mal kommen .Einen schönen Sonntag Pete.

    • Antworten Constanze 21. August 2017 at 21:58

      Liebe Petra, mir ging es auch so, als ich die Geschichte das erste Mal gelesen habe. Ich wollte sie unbedingt in meine Geschichtensammlung hier aufnehmen. Wer weiß, vielleicht sehen wir uns bald. Bis dahin freut es mich, wenn Dir meine Inspirationen weiterhin gefallen. Herzliche Sonnengrüße, C <3

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