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Inspiration

Wir alle sterben

Ich erinnere mich an eine Amerikanerin mittleren Alters, die 1976 in New York Dudjom Rinpoche aufsuchte, dessen Übersetzer ich zu der Zeit war. Am Buddhismus war sie nicht sonderlich interessiert, hatte aber gehört, dass ein großer Meister in der Stadt war. Sie war todkrank und in ihrer Verzweiflung bereit, es mit allem zu versuchen, sogar mit einem tibetischen Meister!

Sie kam ins Zimmer und setzte sich Dudjom Rinpoche gegenüber.

Sie schluchzte:

„Mein Arzt hat mir nur noch einige Monate gegeben. Können Sie mir helfen? Ich sterbe.“

Zu ihrer Verblüffung begann Dudjom Rinpoche gütig und mitfühlend zu lächeln. Dann sagte er sanft:

„Wissen Sie nicht, dass wir alle sterben?“

Mit diesen wenigen Worten half er ihr, die Universalität des Todes zu erkennen und einzusehen, dass ihr bevorstehender Tod nichts Außergewöhnliches war. Das minderte ihre Angst. Dann sprach er über Sterben und das Annehmen des Todes. Er sprach über die Hoffnung, die im Tod liegt. Am Ende lehrte er sie eine Heilpraxis, die sie mit Enthusiasmus aufnahm.

Sie hatte nicht nur ihren Tod anzunehmen gelernt, sondern durch ihre mit Entschlossenheit ausgeübte Praxis wurde sie schließlich sogar geheilt.

Ich habe von vielen Menschen gehört, bei denen eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wurde und denen man nur mehr eine kurze Lebensspanne einräumte. Indem sie sich aber in die Einsamkeit zurückzogen, eine spirituelle Praxis übten und sich mit sich selbst und der Tatsache des Todes aufrichtig auseinandersetzen, wurden sie geheilt.

Das bedeutet:

Wenn wir den Tod annehmen, unsere Haltung dem Leben gegenüber verändern und die grundlegende Verbindung von Leben und Tod begreifen, kann daraus eine ganz besondere Möglichkeit zur Heilung erwachsen.

Tibetische Buddhisten glauben, dass Krankheiten wie Krebs Warnungen sein können, die uns erinnern sollen, dass wir tiefe Bereiche unseres Seins – wie etwa unsere spirituellen Bedürfnisse – vernachlässigt haben.

Wenn wir diese Warnung ernst nehmen und die Richtung unseres Lebens grundlegend ändern, gibt es berechtigte Hoffnung auf Heilung nicht nur unseres Körpers, sondern unseres gesamten Seins.
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Sogyal Rinpoche
in „Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“

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